Artikel im Stadtbummel Schwarzwälder Bote – 100 Jahre Flechttradition – von KORB KATZ zur Flechtmanufaktur KATZ

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100 Jahre Flechttradition im Familienbetrieb: von KORB KATZ zur Flechtmanufaktur KATZ
Flechtwerk ist ein echtes Naturhandwerk. Nachhaltig, kunstfertig und ausschließlich von Hand geflochten. Denn es gibt keine Maschinen, die flechten können. Es handelt sich also um ehrliche Handarbeit. Für Familie Katz ist das Flechthandwerk aber noch mehr: eine Familientradition, eine Leidenschaft und Existenzgrundlage. Und das nun bereits seit 100 Jahren.
Die Geschichte des Familienunternehmens KATZ beginnt mit Gotthilf Katz, der vor 100 Jahren den Weg zur Flechterei gefunden hat. Seine erste Werkstatt richtete er im Keller des Schuhhauses Raaf ein – und diesen Ort wählte er ganz bewusst. Denn dort fand er optimale Bedingungen für sein Handwerk vor. Weiden lassen sich nämlich einfacher flechten, wenn eine gewisse Luftfeuchtigkeit vorherrscht, wodurch sie nicht so schnell austrocknen und steif werden. „In Frankreich ist es deshalb noch heute Tradition, in Höhlen zu flechten“, weiß Siegfried Katz. Gotthilf Katz begann seine Karriere mit dem Schwerpunkt auf dem Flechten von Körben für die Landwirtschaft. Auch Babywiegen aus Flechtwerk waren gefragt. Sie sind derart langlebig, dass noch heute Kunden mit Reparaturaufträgen für Körbe von Gotthilf Katz zur Flechtmanufaktur KATZ kommen. Das Flechtwerk hatte und hat anderen Materialien gegenüber einen entscheidenden Vorteil: Es lässt sich gut formen, weshalb Rundungen gut abgebildet werden können. Geflecht zeichnet sich generell durch eine weiche, fließende Form aus. „Mit Flechthandwerk erschaffen wir ein naturnahes Design“, erklärt Siegfried Katz. „Wir bevorzugen weiche Formen, weil wir es halt können.“ Siegfried Katz erinnert sich noch gut an die Flecht-Fähigkeiten seines Großvaters Gotthilf und seines Vaters Eberhard, immerhin ist er in deren Werkstatt aufgewachsen. Zu dieser Zeit befand sich das Ladengeschäft mit Namen KORB KATZ am Vorstadtplatz, die Werkstatt in der Gerberstraße. „Wir waren und sind alle Korbmachermeister“, so Siegfried Katz. „Wichtig waren uns immer zwei Dinge: Qualität auf hohem Niveau und ein guter Kundenservice.“Als Kind fand Siegfried Katz nicht alles toll, was im Zusammenhang mit dem Familienbetrieb zu tun war. Damals pflegte die Familie noch eine eigene Weidenplantage in Kuppingen. „Im Februar mussten wir bei kaltem Wetter und mit kalten Händen helfen, die Weiden zu schneiden“, erinnert sich Siegfried Katz. Grinsend fügt er hinzu: „Meine Begeisterung für das Handwerk kam erst später.“
Das Flechthandwerk im Wandel der Zeit
Wie jede andere Branche veränderte sich auch die Korbmacherei mit den Jahrzehnten. KORB KATZ verlagerte sich mehr und mehr auf den Handel mit zugekauften, qualitativ hochwertigen Waren, während die eigene Produktion in den Hintergrund rückte. Zum einen hätte man die große Nachfrage nach Produkten wie Babykörben sonst nicht mehr decken können, zum anderen produzierten ausländische Hersteller günstiger. Dadurch konnte das Sortiment erweitert werden, beispielsweise um eine größere Auswahl an Kinderwagen. Das Sortiment aus eigener Herstellung veränderte sich ebenfalls. Während der Laden am Vorstadtplatz abgerissen und neu aufgebaut wurde, stellte Eberhard Katz vermehrt Heizkörper-, Decken- und Garderobenverkleidungen her. Dank einer Weiterbildung in Franken zum Thema Dekorationsflechtereien hatte er die nötigen Techniken und Fähigkeiten gelernt. Eberhard Katz machte sich die Urfunktion des Flechtens für die Landwirtschaft zunutze, um für den Innenausbau und das Wohnen einzigartige Formen und Stimmungen zu entwickeln.
Die Familie blieb trotz schwieriger Zeiten im Geschäft
Als ältestes von sechs Kindern sollte Siegfried Katz das Flechthandwerk erlernen und den Familienbetrieb übernehmen. Doch gerade, als er von seiner Ausbildung an der Korbfachschule in Franken mit einem Meistertitel und Berufserfahrung zurückkehrte, war die wirtschaftliche Lage so schlecht, dass sich sein Vater kein zusätzliches Gehalt leisten konnte. Siegfried Katz und seine Frau Karmen wagten daher den mutigen Schritt, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Die Flechtmanufaktur KATZ war geboren. Ihr Spezialgebiet: die Möbelproduktion. „Die Flechtmanufaktur und KORB KATZ ergänzten sich gut“, erinnert sich Siegfried Katz. Sein Vater habe auch noch in der Werkstatt – in einem Hinterhof in der Inselstraße in direkter Nachbarschaft zu KORB KATZ – mitgeholfen. Eigentlich wollten Siegfried und Karmen Katz damals ihr Unternehmen vergrößern. Der Umzug war schon vorbereitet, als ein Brand die bis dato angemietete Werkstatt zerstörte – mitsamt der Maschinen
und Bestände. „Wir mussten einen Kredit aufnehmen und quasi unter null neu anfangen, um das Unternehmen wieder nach vorne zu bringen“, erzählt Siegfried Katz. Ein Wagnis, das sich auszahlte: Mit dem Neustart in der Talstraße entwickelte Siegfried Katz gemeinsam mit einem Hauptauftraggeber eine eigene Kollektion für den damals angesagten Landhausstil. Als Siegfried Katz‘ Mutter Anneliese Katz in Rente ging, löste sich KORB KATZ auf. Für Siegfried und Karmen Katz lief es bis dahin mit der Flechtmanufaktur so gut, dass sie keine Kapazitäten mehr übrig hatten, um auch noch den Laden von KORB KATZ weiterzuführen.
Neubau von Werkstatt, Ausstellung und Ladengeschäft auf dem Wolfsberg.
Das Geschäft lief bald so gut, dass die Flechtmanufaktur „aus allen Nähten platzte“. Also baute sich das Unternehmen 1989 einen neuen Firmensitz mit 3.500 Quadratmetern auf dem Wolfsberg – inklusive Werkstatt, Ausstellung und Laden. Über 50 Mitarbeiter waren für Familie Katz tätig und arbeiteten unter anderem an einer weiteren, eigenen Kollektion. „Ich wollte nie etwas kopieren, sondern Neues im Dialog mit Designern erschaffen“, erklärt Siegfried Katz. Erkennbarkeit, Formsprache und Qualität sind für ihn das Wichtigste. „Ich probiere gerne etwas aus, auch wenn es nicht immer ein Erfolg wird. Aber das gehört dazu.“ Parallel dazu engagierte sich der Korbmachermeister im Bundesinnungsverband des deutschen Korbmacher-Handwerks, von 2003 bis 2019 war er zudem Bundesinnungsmeister. In dieser Funktion trieb er unter anderem die Umbenennung des Berufs von Korbmacher zu Flechtwerkgestalter voran. „Gestalterische Elemente wurden immer bedeutsamer, es ging nicht mehr nur um die Funktion“, erklärt er. Ein Highlight seiner langen Karriere war zudem die Landesgartenschau in Nagold im Jahr 2012. Dort
konnte er der Bevölkerung die gesamte Bandbreite des Flechthandwerks präsentieren. „Ich habe immer versucht, das Handwerk in eine moderne Ausprägung zu überführen.“ Das ist Siegfried Katz unter anderem mit der Anerkennung als immaterielles Kulturerbe der UNESCO im Jahr 2016 gelungen.
Die vierte Generation übernimmt
2024 ist es dem Familienunternehmen mit dem Einstieg von Tochter Rebekka Katz in die Geschäftsführung ein weiteres Mal gelungen, sich auch dem Zeitgeist anzupassen. Sie bringt einen Betriebswirt mit Fachrichtung Möbelhandel mit und ist gelernte Damenschneiderin sowie Direktrice. Vor dem Einstieg in die Firma KATZ hat sie Erfahrungen im Handwerk und als Führungskraft gesammelt. Mit Rebekka Katz rücken Gestaltung und Textilien bei der Flechtmanufaktur KATZ noch weiter in den Fokus. Ihre Gabe ist es, Atmosphäre zu schaffen, Emotionen anzusprechen und Stimmung zu erzeugen. Das beweist sie auch mit ihrer Einrichtungsgestaltung der Ausstellung. Gleichzeitig steht Rebekka Katz für die Zukunft der Vielfalt des Flechthandwerks. Wie zu Zeiten ihres Großvaters verlagert sich die Branche derzeit auf Zu- und Verkauf hochwertiger Waren, gleichzeitig kann sie Kunden in Sachen Einrichtung beraten. Zudem sind Siegfried und Karmen Katz nach wie vor im Unternehmen aktiv, sei es bei der Durchführung von Workshops oder von Reparaturen. Mit ihr ist aus der Flechtmanufaktur KATZ eine Weiterentwicklung von KORB KATZ geworden – ganz im Zeichen des Lifestyles und der natürlichen Atmosphäre, die Wohnen mit Gefl echt erzeugt.
Autor: Jacqueline Geisel, Fotos: Jacqueline Geisel, Unternehmen